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St. Victor Gemeindehaus
Hamm-Herringen

Leistung

Innenarchitektur

Maßnahme

Bauen im Bestand (Denkmal)

Status

Realisiert

Auftraggeber:innen

• Evangelische Kirche von Westfalen
• Evangelische Kirchengemeinde St. Victor Herringen

BGF

750 qm

Besonderheiten

• Architektur von Emil Pohle (1931)
• Denkmalgeschütztes Dachtragwerk
• Projektförderung Deutsche Stiftung Denkmal

Wettbewerb

1. Preis (nicht offener Wettbewerb nach RPW 2013)

Fotografie

Constantin Meyer

Als innovatives und bestimmendes Gestaltungsmerkmal für den Saal wählte Pohle 1930/31 ein sichtbares, Rautennetz aus gekantetem Stahlblech als Dachkonstruktion. Im Rahmen der umfangreichen Sanierung des denkmalgeschützen Gemeindehauses wird die in Vergessenheit geratene Konstruktion hinter diversen, mehrschichtigen Verbauungen entdeckt, statisch ertüchtigt, instand gesetzt und als sichtbarer Dachstuhl inszeniert. Formal wird in der Neukonzeption durch die schwarze Färbung des Stabnetzes in Kontrast zu weißen Flächen die filigrane Netzstruktur herausgearbeitet. Das Dach des Saals, als Relikt nationaler Baugeschichte und innovatives Zeichen seiner Zeit, wird zur konzeptionell tragenden Säule des Projektes; gestalterisch und durch das Vermögen seiner symbolischen Kraft als sicherster Schutz des Menschen.

„St. Victor - evangelisch, bunt, mitten im Dorf“: mit diesem Leitbild beschreibt sich die Gemeinde St. Victor selbst. Der Anspruch kraftvolle, vernetzende Strukturen und Beziehungen in den Raum zu tragen, resultierte 2015 in einem architektonischen Wettbewerb. Für das Gemeindehaus, 1931 nach den Plänen des Werkbundvertreters Pohle errichtet, sollten unter besonderer Berücksichtigung der zu erhaltenden Bausubstanz, geeignete Lösungsvorschläge hervorgebracht werden. Die Zielformulierung auf Meta-Ebene beinhaltete die Entwicklung eines Ortes, der Zeit und aktueller Bedürfnisse angemessen, einen konstruktiven Beitrag zur sozialen und kulturellen Entwicklung des Ortes leisten sollte.

Das Bewusstsein um die Fähigkeit von gestaltetem Raum, die Qualität des Umgangs wesentlich mitzuprägen, neue Richtungen aufzuweisen, sinnstiftend zu wirken, bildet eine gemeinsame Entwurfsgrundlage. Die neuen, behutsam definierten Raumabfolgen im denkmalgeschützten Bestand sind in ihrer Ausrichtung so konzipiert, dass dynamische und zur Begegnung angelegte Arbeitsprozesse ermöglicht werden. Eine Kultur der Offenheit und Öffnung bildet sich ab - nach innen und außen.

Das Erdgeschoss des Gemeindehauses gliedert sich in zwei Teilbereiche, die über eine längsseitige Hauptachse erschlossen werden. Eingang, Büroflächen (Gemeinde- und Sozialarbeit), Kontakt- und Servicebereich bilden ein vorgesetztes Ensemble, das die Gemeindearbeit zentral zugänglich macht. Hier angegliedert, finden sich zwei Gruppenräume sowie der Gemeindesaal als Hauptprotagonist und Herzstück des Gemeindelebens, der sich ganz der Gemeinschaft widmet. Der Saal in seiner repräsentativen und einladenden Dimension behält sein Potenzial vielfältiger Nutzungsszenarien. Die Saalempore im OG wird durch die Neukonzeption reaktiviert. Sie kann nun unabhängig von den Belegungen der anderen Räume erschlossen werden und eröffnet eine weitere Raumdimension.

Zugunsten eines kontemplativen Raumeindrucks, reduziert sich die Materialkomposition primär auf zwei Materialien: Eichenholz und Metall. Die weiß verputzten Wandflächen des umgebenden Raumes nehmen sich vollumfänglich zurück oder sorgen für die Markierung von Übergängen und Schwellen. Das Hünnebecker Dachtragwerk sowie die hölzernen Einbauten und Verkleidungen erhalten so eine angemessene Akzentuierung. Insbesondere das Eichenholz transportiert eine wertige, erdende Atmosphäre, die simultan auch die notwendige Robustheit und Langlebigkeit in der Anwendung garantiert. Während die Arbeit im denkmalgeschützten Bestand eine achtsame, konzeptionelle Linie zwischen ‚Altem’ und ‚Neuem’ zieht, referenzieren alle neu verarbeiteten Materialien in Beschaffenheit, Textur oder Farbe den Ursprungsentwurf. Um im Gemeindesaal den Fokus ganz auf die gestalterische Wirkung des Daches zu lenken, werden reliefartige Vorsatzschalen aus Eichenholz entlang der Wandflächen entwickelt, die akustisch wirksam sind, Maßdifferenzen ausgleichen, TGA und Beleuchtung Platz bieten. Zitatbänder, die typografische Elemente des Gemeindehauses aus den 1930er Jahren aufnehmen, ziehen sich als motivierende, versöhnliche und identittätsbildende Impulse durch alle Raumbereiche. In ihrer Zusammenstellung widmen sie sich Perspektivwechsel, dem Appell an Versöhnung und der Gestaltung von Gemeinschaft. Sie unterstützen auf zweidimensionaler Ebene die transportiere räumliche Botschaft der Gemeinde.